Die Gämse (Rupicapra rupicapra) - Koenigin der Felsen
Die Gämse ist der typische Bewohner der alpinen Felsregion. Mit ihren speziellen Kletterfähigkeiten, ihrem dichten Winterfell und ihrer Anpassung an extreme Lebensraeume ist sie eines der faszinierendsten Wildtiere der Alpen.
Lebensraum und Verbreitung
Die Gämse besiedelt die Felsregionen der Alpen in Hoehen zwischen 1.000 und 3.000 Metern. In den Bayerischen Voralpen ist sie vor allem im Bereich des Brecherspitz, der Rotwand und des Soellenkamms anzutreffen. Gämsen bevorzugen steile, felsdurchsetzte Haenge mit einem Mosaik aus Grasflaechen, Felspartien und Latschenfeldern.
Die Gämsen in den Bayerischen Voralpen gehoeren zur Unterart Rupicapra rupicapra rupicapra, die in den gesamten Ostalpen verbreitet ist. Der Bestand in Bayern wird auf etwa 35.000 bis 40.000 Tiere geschaetzt, wobei die Dichte in den Voralpen hoeher ist als in den Zentralalpen.
Anatomie und Anpassungen
Die Gämse verfuegt ueber eine Reihe von Anpassungen an das Leben im Fels: Die Hufe sind gummiatrig und haben eine spezielle Form mit einem weichen Sohlenpolster und einer scharfen Kante, die auch auf glattem Fels sicheren Halt bietet. Die Beine sind kraeftig und muskueloes, die Schulter hoeher als das Kreuz - eine Anpassung an den Aufstieg.
Ihr Fell wechselt im Jahresverlauf: Im Sommer ist es kurz und rotbraun, im Winter lang und dick, dunkelbraun bis schwarz. Auffaellig sind der schwarze Rueckenstreifen (der sogenannte Aalstrich) und die weisse Gesichtszeichnung mit den markanten schwarzen Streifen unter den Augen.
Gewicht: 25-50 kg. Schulterhoehe: 70-85 cm. Lebenserwartung: 15-20 Jahre. Kricketgle: 4-7 kg. Tragzeit: 170 Tage. Wurf: 1 Kitze (selten 2). Paarungszeit: November-Dezember. Setzzeit: Mai-Juni.
Verhalten und Sozialstruktur
Gämsen leben in geschlechtergetrennten Verbänden. Die Weibchen (Geissen) bilden mit ihren Kitzen und den einjaehrigen Tieren Gruppen von 5 bis 20 Tieren. Die Böcke (Mönche) leben ausserhalb der Paarungszeit einzelgaengerisch oder in kleinen Junggesellengruppen.
Die Hierarchie in den Gruppen ist alters- und erfahrungsbedingt. Alte Geissen fuehren die Gruppe zu den besten Weideplaetzen, zu Salzlecken und in die Einstandsgebiete. Bei Gefahr gibt es einen Warnpfiff - ein scharfes, zischendes Geräusch, das ueber weite Strecken hoerbar ist.
Ernaehrung
Gämsen sind Wiederkäuer und ernaehren sich von einer Vielzahl von Pflanzen: Graeser (60-70 Prozent der Nahrung), Kräuter (20-30 Prozent), Blaetter und Triebe von Baeumen und Straeuchern (10-20 Prozent). Im Winter fressen sie vor allem Flechten, Moose und vertrocknete Graeser.
Wie alle Wiederkäuer haben Gämsen einen vierkammrigen Magen, der die Fermentation der schwer verdaulichen Pflanzenkost ermoeglicht. Im Fruehjahr suchen sie gezielt Salzlecken auf, um den Mineralstoffverlust des Winters auszugleichen.
Gefaehrdung und Jagd
Die Gämse wird in den Bayerischen Voralpen bejagt. Die Jagdzeit erstreckt sich von September bis Dezember. Die Abschussplaene werden von den Jagdbehoerden festgelegt und orientieren sich am Bestand und am Zustand der Lebensraeume.
Neben der Bejagung sind Gämsen durch den Wintersport gefaehrdet: Skitourengeher und Freerider dringen in ihre Wintereinstaende ein und zwingen die Tiere zur Flucht, was zu einem erhoehten Energieverbrauch fuehrt. In strengen Wintern kann dies zum Tod der Tiere fuehren.
Fazit
Die Gämse ist ein faszinierendes Wildtier, das perfekt an die extremen Bedingungen der alpinen Felsregion angepasst ist. Ihr Schutz erfordert die Berücksichtigung ihrer Lebensraumansprueche bei der Nutzung der Bergwelt.